Coming to Leev

Alle Aspekte unseres Lebens in Big Data Societies ist von künstlicher Intelligenz in Form von Apps & Co. durchzogen. Wir checken schnell den schnellsten Weg zum Treffpunkt, bestellen uns Essen oder ein Uber, fragen ChatGPT nach Lösungen für unsere Alltagsprobleme, scrollen auf Social Media und auch unser Dating-Leben bildet hier keine Ausnahme. Gerade weil es einfacher ist, ChatGPT nach danach zu fragen, wie ich nochmal eine Deckenlampe montieren muss, entscheiden wir uns in unserem Alltag häufig für Optionen, die uns eine komfortable Lösung präsentieren (Convenience) als für solche, die länger dauern und unklar ist, ob tatsächlich am Ende das gewünschte Ergebnis – in diesem Fall eine Montieranleitung für besagte Deckenlampe dabei herauskommt.

Dieses Verlassen auf Algorithmen in unserem Alltag hilft uns auf der einen Seite, effizient durch diesen zu manövrieren. Auf der anderen Seite bedeutet das aber auch, dass wir nicht mehr so häufig unser Umfeld um Rat oder Hilfe bitten und uns in potenziell unangenehme Situationen begeben müssen, wie es zum Beispiel noch unsere Elterngeneration tun musste, um endlich die Deckenlampe an Ort und Stelle zu platzieren. Kurz: Der  Komfort, welchen wir durch künstliche Intelligenz in unserem Leben geniessen, hat seine Kehrseiten, und eine davon ist, dass wir völlig aus der Übung sind, was potenziell sozial unangenehme Situationen, dem Mut, diese einzugehen, und das Händeln dieser Situationen betrifft.

Ansprechen oder angesprochen werden, sich also in aller Öffentlichkeit exponieren, sind Datingstrategien, die wie aus einer anderen Zeit erscheinen. Vielleicht würde man sich ja sogar trauen, aber wenn man das Gefühl hat, dass es absolut unangebracht sein könnte, fällt das Öffnen der App leichter. Das liegt daran, dass das, was in der Soziologie 3rd Spaces (dritte Räume) genannt wird, also Orte, an denen wir weder wohnen noch unbedingt etwas kaufen oder konsumieren müssen, immer weniger werden und sich somit immer weniger Situationen ergeben, jemanden zu treffen. Trotzdem wünschen sich viele gerade über zwischenmenschliche Kontakte jemanden kennenzulernen.

Datingapps, die wie eine digitale Version einer Bar voller Singles sind und nicht wie ein Buffett, gaukeln Nutzenden durch das Vorhandensein von Bildern und anderen persönlichen Eindrücken, dass alle Personen dort potenziell verfügbare Partnerpersonen sind. Doch in der Realität stellt sich heraus, dass dies einfach nicht der Fall ist und man von der einen Person geghostet wird, eine andere dann doch nichts Festes will und noch andere sich mehr für die eigenen getragenen Socken zu interessieren scheint als für einen selbst. Unweigerlich führen solche sich immer wieder wiederholenden Erfahrungen zu Frust, Selbstzweifeln und vielleicht sogar Liebeskummer, und der Wunsch, jemanden zu treffen, erscheint immer unerreichbarer.

In meiner Forschung setze ich mich mit Strategien auseinander, mit denen Menschen in Big Data Societies sich gegen die Algorithmen in ihrem Leben zur Wehr setzen. Darum habe Leev. ins Leben gerufen: Es geht mir darum, Orte und Situationen zu schaffen, in denen Menschen die Möglichkeit haben, andere Menschen kennenzulernen, die auch auf der Suche nach etwas Festem sind und dabei nicht auf Apps angewiesen sein müssen.

„We were never meant to date alone”: Dieser Satz stammt von der New Yorker Matchmakerin Maria Avgitidis, die ihr Unternehmen in der vierten Generation betreibt. Gemeint ist hiermit, dass das Kennenlernen häufig über Verbindung von Freund*innen, Familie, oder sonstige soziale Beziehungen funktioniert. Matchmaking ist eine jahrhundertealte Praxis, die in vielen Ländern der Welt und sowohl in jüdischen als auch in hinduistischen und christlichen Communities weiterhin betrieben wird. Einen Einblick in religionsfundiertes Matchmaking bieten hier etwa Netflix-Serien wie Indian Matchmaking oder Jewish Matchmaking. Mittlerweile ist die Praxis des Matchmakings weit über religionsfundierte Kontexte hinausgewachsen und so gibt es Matchmaking für Menschen mit Neurodivergenzen – und das neben dem nordamerikanischen Raum, besonders auch in Zürich – für sehr reiche Menschen, die ihre Partner*innensuche quasi komplett „outsourcen“.

Mit Leev. geht es mir darum, Millennials und Gen Z anzusprechen, die weder so stark in religiöse Gemeinschaften eingebunden sind, dass sie dort von den gemeinschaftsfördernden Strukturen und Praktiken profitieren, noch das nötige Kleingeld haben, um für $85.000 oder mehr pro Jahr die Suche outzusourcen. Mir geht es um diejenigen, die jemanden für etwas Festes suchen, bereit sind, etwas über sich zu lernen, und die Fairness gegenüber sich selbst und anderen schätzen. Oder wie Maria Avgitidis, „Everyone is a new opportunity”, um etwas über sich selbst und andere zu lernen.

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